Ich bin kein Literat. Deutsch, Rechtschreibung, Grammatik und all das Zeugs wurden mir schon in der frühesten Kindheit von ungeduldigen, pedantischen Deutschlehrern, durch grausam, schnelle Diktate und rigorose Beurteilungen meiner Aufsätze vergällt. Thema verfehlt; Münchhausen ist tot; Setzen, Thomas - Fünf.

Setzen Thomas, FÜNF! Thomas Fünf, wie oft hatte ich das schon gehört? Zwei, drei, vierhundert Mal? Hierdurch geriet ich sogar in eine richtige präpubertäre Identitätskrise, da ich Fünf wohl eine Zeit lang für meinen Nachnamen hielt. O.K., ich war damals noch klein und gutgläubig. Hätte mir zu jener Zeit jemand gesagt, dass wertlose, bunte Kaugummiverpackung bald als offizielles Zahlungsmittel eingeführt würde, ich hätte es wahrscheinlich geglaubt! Und hätte ich geahnt, dass ein paar Jahre später Deutschlehrer ihre Visitenkarten mit Worten wie “Handy-Nr.” zieren, wäre mein Haarausfall wohl maßvoller ausgefallen. Doch dies ist Geschichte. Egal!

Jedenfalls sagte irgendwann mal mein Deutschlehrer ins desinteressierte Schülerrund „Lassen wir Fünf gerade sein“. Schluck, war da gerade mein Name gefallen? Einmal wenn man gerade im Geist überschlägt, wieviel Kaugummipapier man schon auf der hohen Kante hat. Ich stand sogleich auf, und antwortete mit einem klaren „Ja.“ „Was Ja, Thomas?“ (Thomas Wasja??? Verdammt, der Kerl wollte mich wohl verwirren, oder hatte ein bisschen den Überblick verloren! Wasja war letzte Klasse aufgrund einer Sechs in Gedichteschnellrezitation sitzen geblieben! Was war jetzt eigentlich Sache?) „Ja, Sie wollten etwas von mir?“, sagte ich ihm offen ins strenge Lehrerantlitz. Halt, hat da gerade sein rechtes Auge nervös gezuckt? Ich kannte diesen Blick. Aber woher? “Nein...” Woher nur? Mal überlegen. Winnetou vielleicht? Nein, Winnetou hatte schwarze Augenbrauen. Unser Lehrer war aber mehr blond, mit hellen Augenbrauen. “...Thomas.” Gleich hab ich´s. Irgend ein Western, soviel war sicher. Was gab´s denn so alles für Westerntypen? Festus? Nein, blond musste er sein. Aber natürlich, dass ich darauf nicht gleich gekommen bin: Die verhärteten Gesichtsmuskeln, die Mundwinkel, die wie Stahl aussehen. Und gleich würde er unerbittlich gegen alles Lumpenpack durchgreifen, und sich keinen Deut darum scheren, ob er dabei was ab bekommt. “Thomas?” Sieh einer an, unser Deutschlehrer stand also mit seinem geblümten Hawaiihemd vor mir, und dachte er wäre Steve McQueen in den glorreichen Sieben, ha. Wenn er sich da mal nicht getäuscht hat. Ich wüsste nicht, dass Steve McQueen jemals im Film mit hochrotem Kopf vor einer Schulklasse gestanden hätte, im Hawaiihemd. Einzig die Stimme könnte man vielleicht durchgehen lassen. “Thhhoooommas!!!” Nein, auch nicht. Nie hätte Steve so unbeherrscht rumgeschrien, außer vielleicht wenn er gerade eine Rinderherde dazu hätte anfeuern wollen, durch ein Flussbett zu stampfen. Ah, jetzt passte die Stimme schon eher. Ein heiseres, erstickendes Flüstern, das ordentlich zischende S-Laute enthielt, und nach dem spontanen Genuss einer kochend heißen Tasse Kaffee klang. „Hörst du mir jetzt endlich zu? Ich wollte nichts von dir! Du kannst dich wieder setzen.” Also wieder setzen? Na gut. “Ich habe nur gerade der Klasse erklärt, dass wir es hier nicht so genau nehmen müssen, also eine ungerade Zahl einer geraden gleichstellen können. Daher habe ich hier eine beliebige Zahl...” Seufz, endlich wieder mal sitzen. Dieses lange Stehen ist aber auch sowas von ermüdend. “... genommen: Fünf, Thomas!“

War ich gemeint? Besser mal aufstehen und hinantworten: „Ja?“ „Nein, jetzt reicht es mir. Sofort setzt du dich hin Thomas, Sechs.“ Hierdurch wurde mein Fünf-Trauma schlagartig behoben ... und Raum für weitere Verwirrung entstand!

Doch belassen wir es mal dabei! Die ganze Sache ist Ewigkeiten her, und die Rechtschreibreform hat uns eh alle zu Halblegastenikern werden lassen. Schrieb ich früher z.B. Schallloch anstatt Schalloch war ich der Dumme. Heute wissen wir natürlich das Schallloch definitiv korrekt ist, d.h. ich war nur der Zeit voraus, und all meine Deutschnoten müssten nachträglich neu berechnet werden...

 

... , was übrigens gar nicht nötig wäre, da der Inhalt des Vorwortes fast komplett frei erfunden ist! Sie haben es sicherlich bemerkt? Wenn nicht, bleiben mir nur folgende Worte: Setzen Leser, Fünf!

Okay, ich geb's zu: Für den Münchhausen-Aufsatz hab' ich damals tatsächlich ne Fünf kassiert. Und dies war keine "Ich tanze dir jetzt deine Bewertung vor", während der Lehrer milde lächelnd zur Fünfer-Choreographie ansetzte, wie heuzutage vielleicht üblich - sondern ne richtige Fünf. Was soll's. Zu Bildtexten und Artikeln in Tageszeitungen hat's bei mir später trotzdem gereicht.

(Noch ein Wort zum Thema Kaugummipapier: Hier lag ich ja voll daneben, da später plötzlich der Euro eingeführt wurde! Ein Trost bleibt mir. Der Euro ist fast genauso bunt wie eine Kaugummiumhüllung - und beinahe ebenso wertlos. Eine Art Übergangswährung vielleicht?)